Wenn eine eine Reise tut, . . .

. . . dann hat sie was zu erzählen. Also weniger von der Reise sondern eher von der Abreise. Sie war beruflich viel unterwegs. Sie kannte die Flughäfen, die Abläufe, sie wusste selten, wo sie nächste Woche sein würde. Das brachte ihr Job einfach mit sich. Sie hatte immer hart an ihrer Karriere gearbeitet, sie war ins Ausland gegangen, hatte an Konferenzen teilgenommen, sich weitergebildet, Fachartikel geschrieben und noch so viel mehr. Ihre Freundinnen, die sie noch aus der Schul- und Studienzeit kannte, hatten das nie ganz verstanden. Aber ihr Lebenspartner, der konnte nachvollziehen, was sie tat. Er war zwar nicht annähernd so viel unterwegs wie sie, aber auch er hatte Karriere gemacht und er wusste, dass man viel investieren musste, um irgendwann die Früchte zu ernten. Und bei ihr fing das jetzt so langsam an. Immerhin war sie jetzt schon Partnerin in einer der angesehensten Kanzleien des Landes. Das machte sie stolz. Der einzige Wermutstropfen war der, dass aufgrund interner Differenzen des Bürostandortes, dem sie zugeordnet war, ein externer Coach engagiert worden war. Das ging sie in Wahrheit alles nichts an, weil sie mit den Team nicht viel zu tun hatte, außer, dass ihre persönliche administrative Mitarbeitern dort ihren Schreibtisch hatte. Sie selber war höchstens einmal in der Woche dort und hatte von all dem nichts mitbekommen. Deshalb hatte sie die Einladung zum Incentive Wochenende auch so überrascht. Sie hielt das alles sowieso für Humbug. Konnte nicht jeder einfach seine Arbeit machen? Dann musste man nicht ein Wochenende Zeit auf einer Alm verschwenden. Ihr erster Impuls war es gewesen, einfach abzusagen, aber als neue Partnerin würde das kein gutes Bild machen. Also gut, sie war dabei. Und bis heute hatte sie nicht weiter damit auseinandergesetzt. Morgen in der Früh sollte es losgehen und als sie begann zu packen, nahm sie die Checkliste zu Hand, die sie bekommen hatte. Rucksack, Taschenlampe, ein Handtuch, ein Geschirrtuch, ein Schlafsack, festes Schuhwerk und so weiter. Offensichtlich war diese Hütte kein Hotel und damit hatte sie nicht gerechnet. Ihr Beautycase konnte sie wohl zuhause lassen. War ihr Prada Rucksack eigentlich wasserfest? Galten Golfschuhe als festes Schuhwerk? Und wo war der Schlafsack, den ihr Bruder ihr einmal zur Aufbewahrung gegeben hatte? Sie wurde etwas nervös. Ihr Freund bot seine Hilfe an, und sie bereute, dass sie ihm die Liste nicht schon früher gezeigt hatte. Er war in solchen Dingen einfach organisierter. Ihre Business Trips wusste sie ja zu meistern, aber das jetzt war nicht ihres. Er hätte ihr alles organisieren können, das wusste sie. Aber dass ein Wochenendtrip mit ihrem Büro so kompliziert werden würde, auf diese Idee war sie einfach nicht gekommen. Ihr Partner war da anders. Er checkte immer alles doppelt und vor allem frühzeitig. Auch schon Wochen, bevor sie auf Urlaub gefahren waren, hatte er die Sonnencreme schon gekauft oder im Winter die Leihski reserviert. Sie beneidete ihn um diese Fähigkeit. Und in diesem Fall hätte sie ihn dringend gebraucht. Sie liebte ihn dafür, wie er jetzt einen Freund anrief, der ihr den Schlafsack borgen könnte und wie er zum Auto ging, um die Nottaschenlampe zu holen. Wie er aus dem Keller seinen alten Wanderrucksack ausgrub und das alles ohne Vorwürfe. Nur als sie endlich fertig waren und zu Bett gingen, bat er sie darum, ihm solche Listen einfach schon früher zu zeigen, dann müsste man nicht alles in allerletzter Minute organisieren. Aber das war etwas, was sie nicht gewohnt war. Sie hatte ihr Leben immer selber gut im Griff, und sie hatte bisher immer alles selber gemeistert. Und es fiel ihr schwer, da etwas abzugeben. Es war nicht leicht zuzugeben, dass sie ihn brauchte. Aber so war es. Und dafür liebte sie ihn.

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