Wäschepsychologie

Es war eine so unglaublich langweilige Tätigkeit, dass sie sie immer so lange wie möglich vor sich herschob. Wenn sie es dann gemeinsam mit ihrem Kind tat, brauchte es knapp eine Stunde und nochmal eine Stunde, um das Schlafzimmer in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Das war also auch nicht immer die präferierte Variante. Es ging um so etwas Banales wie Wäsche aufhängen. Sie hatte zwar auch einen Trockner, aber alles gab sie dann doch nicht rein. Positiv gesehen – sie konnte in diesen Minuten – und viel mehr Zeitaufwand war es ja nicht – ein bisschen nachdenken und dieses Mal war sie dabei sogar richtig ins Grübeln geraten. Wirklich – beim Wäsche aufhängen. Sie hatte so ein dreiteiliges Ding mit einem Mittel- und zwei Seitenteilen. Und ihr Tick war es, die Wäscheteile nach Besitzern sortiert aufzuhängen. Auch irgendwie bedenklich – fand sie, vor allem weil es sie wirklich irritierte, wenn wer anderer es anders machte, was aber bisher ohnehin höchstens zweimal vorgekommen war. Aber ihre laienhafte Küchenpsychologie ging noch weiter. Warum hingen in der Mitte des Wäscheständern zuallererst die Stücke ihres Mannes, dann die ihres Sohnes und seitlich die Haushaltstücher und ihre Wäsche? Sollte ihr das zu denken geben? War sie soviel wert wie die Küchentücher und Mann und Kind der Mittelpunkt? Sie tat das unbewusst, sie hatte noch nie darauf geachtet. Aber war es vielleicht genau deshalb so aufschlussreich? Stellte sie ihren Mann an erste, ihr Kind an zweite und sich selbst an dritte Stelle? Konnte das sein? Nein – sie doch nicht! Sie war doch eine moderne Frau, berufstätig und selbstbewusst. Sollte sie darüber nochmal nachdenken? War das wirklich so? Irgendwie ein Bild, das sie mit früheren Generationen verknüpfte. Eine Hausfrau und Mutter, die dafür sorgen musste, dass es Mann und Kind(ern) gut geht. Steckte das irgendwie in den Genen? Aber zugegebenermaßen – sie fühlte sich ein kleines bisschen ertappt. Es war sicherlich schon sehr viel weniger als bei ihrer Großmutter, bei der sich noch lebhaft daran erinnern konnte, dass sie auf die Frage nach ihrem Lieblingsgericht so antwortete:„Für den Opa koche ich am liebsten xy.“ Auch der Hinweis, dass das keine Antwort auf die Frage gewesen war, lockte sie nicht aus der Reserve: „Eigentlich mag ich fast alles“ Ihre Oma wirkte dabei aber nicht unglücklich und sie war es auch nicht. Das traf auch heute auf sie zu, allerdings hatte sie selber eindeutig ein Lieblingsgericht und dieses unterschied sich auch deutlich von den anderen. Trotzdem – stellte sie die Bedürfnisse ihrer Familie vor ihre eigenen? Gab es Bedürfnisse, die sie der Familie zuliebe vernachlässigte? Tat sie das automatisch? Oder traf sie bewusste Entscheidungen? Sie wollte aufmerksamer sein und nahm sich vor, bewusster auf ihre Bedürfnisse zu achten und herauszufinden, ob sie so modern war, wie sie immer glaubte. Wozu Wäsche aufhängen doch gut sein konnte!

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