unerfahren

Sie war jung. Jung und unerfahren. Zumindest in ihrem Job. Nicht dass sie für ihre jungen Jahre noch nichts erlebt hätte, aber dass sie noch vor Abschluss der Ausbildung quasi eine Fixanstellung hatte, damit hatte sie nicht gerechnet. Und  nicht irgendwo. In einer angesehenen privaten Einrichtung.  Sie freute sich, aber sie hatte irgendwie auch Angst. Würde sie den Ansprüchen gerecht werden? Würden man sie für voll nehmen? Immerhin war sie Gruppenleiterin. Sie war die Pädagogin für die fünfzehn  Zwerge zwischen 1,5 und 3 Jahren. Die andere war nur die Assistentin. Aber die hatte halt schon wirklich viel Erfahrung. Nicht nur, dass sie ein abgeschlossenes Studium hatte, sie war schon älter und sie war schon seit vielen Jahren dort. Und sie hatte die Gruppe zu Semesterbeginn interimsmäßig übernommen, ohne sie. Denn sie war erst jetzt dazugekommen. Sie freute sich so sehr und hatte doch ein ungutes Gefühl im Bauch. Würde sie sich oft durchsetzten müssen? Konnte sie ihre eigenen Ideen einbringen? Denn davon hatte sie genug. Mehr als sie in den nächsten Monaten jemals unterbringen würde können. Anfängerenthusiasmus halt. Und wie würde die Kommunikation mit den Eltern ablaufen? Immerhin war sie diejenige, der sie ihre Kinder anvertrauten? Wie sollte sie auf sie zugehen? Was war wichtig? Das hatten sie nicht wirklich gelernt. Das war aber etwas, was sie jetzt dringend brauchte. Denn es war entscheidend für die ganze Stimmung. Die Ausgangslage war ja nicht gerade ideal. Immerhin war sie  – zwar nicht aus eigenem Verschulden –  aber doch – zu spät dazugekommen. Die Eingewöhnung hatte ohne sie stattgefunden. Also würde sie ein gewisses Misstrauen der Eltern schon verstehen. Sie hoffte, dass es mehr positive Neugier sein würde. War es ein Fehler gewesen, gleich ins kalte Wasser zu springen? Hätte sie erst später,  zum Start eines neuen Kindergartenjahres beginnen sollen? Darüber brauchte sie aber gar nicht mehr nachdenken, der Zug war längst abgefahren. Wahrscheinlich war es wichtig, die Assistentin auf ihrer Seite zu haben, wenn sie sie auf ihrer Seite hatte, konnte nicht mehr viel sein, oder? Sie kannte den Kindergarten, die Kinder und die Eltern. Pädagogisch musste sie selbst entscheiden, zwischenmenschlich und organisatorisch würde sie um Rat fragen. Und wenn man jetzt das pädagogische noch ganz klar vom Rest trennen könnte, wäre auch die Umsetzung kein Problem. Weil zu unsicher durfte sie nicht wirken, zu überheblich aber auch nicht. Meine Güte, das würde eine Gratwanderung werden. Aber was war mit den Kindern? Bei all ihren Überlegungen, waren die Kinder nicht das Wichtigste? Standen sie nicht im Fokus? Natürlich musste das Drumherum auch passen, aber sie sollte sich vielleicht einfach auf die Kinder konzentrieren. Das hatte sie gelernt, das konnte sie. Und Kinder waren die besten Kritiker – und vor allem die ehrlichsten. Da gab es keine Hintergedanken. Sie würden sofort zum Ausdruck bringen, wie die Dinge liefen. Das war ja auch die einfachste Lösung. Sie brauchte keine Angst zu haben. Die Kinder waren der Schlüssel. Das war ja auch der Grund warum sie diesen Ausbildungsweg gegangen war. Sie wollte mit den Kindern zusammen sein, mit ihnen Zeit verbringen, ihnen zuhören, für sie da sein. Ihre Zweifel schwanden immer mehr. Das war es, worauf sie sich freute, fünfzehn Individuen in einer Gruppe die nächsten Monate begleiten und führen zu dürfen. Das war doch die schönste Aufgabe der Welt.

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