Tobsuchtsanfall

Was war sie nur für eine Mutter! Sie spürte die Blicke der anderen. Das Handy in der Hand, ihr Kind wälzte sich mitten auf dem Gehsteig am Boden und sie versuchte den Buggy so hinzustellen, dass er nicht davon rollte. Sie vergaß fast ihrer besten Freundin am anderen Ende der Leitung zuzuhören, wie sie sich die Seele aus dem Leib weinte, weil die Reaktionen der Passanten noch viel interessanter waren. Ihre Freundin tat ihr leid, da sie wieder einmal unglücklich in ihrer Beziehung war und zum geschätzten dreißigsten Mal jetzt endgültig Schluss machen wollte. Ihr Kind war auch sehr unglücklich, weil sie ihm verweigert hatte in der Konditorei am Eck Kuchen zu kaufen. Sie wusste nicht einmal, woher er das hatte, denn sie hatten dort noch nie Kuchen gekauft. Aber er war da sehr eigensinnig und war absolut nicht von dieser Idee abzubringen gewesen. Weder die Jause, die zuhause wartete, noch die Aussicht auf ein pädagogisch verwerfliches Gummibärchen hatten ihn ablenken könne. Kuchen jetzt und hier. Aber sie wollte nicht nachgeben. Also ließ sie ihn seinen Frust auf der Straße ausleben und bemühte sich dabe,i sich nicht für ihr Kind zu genieren. Die Straße war trocken, es war zwar Winter, aber nicht wirklich kalt. Auf ihn einzureden war nutzlos, ihn anbrüllen, würde die Situation nur verschlimmern, also ließ sie ihn. Problematisch war nur die Tatsache, dass das natürlich an einer sehr belebten Straßenecke stattfand und wahrscheinlich im Laufe dieses Anfalls knapp hundert Menschen an ihnen vorbei gingen. Aber kaum jemand wunderte sich über das Kind, sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Gelassenheit in der Kritik stand. Obwohl sie sich ja gar nicht ganz so gelassen fühlte wie sie vorgab. Natürlich stresste es sie, aber alle Alternativen gefielen ihr noch weniger. Das Kind mit Gewalt in den Buggy setzen? Schwierig.  Beruhigende Worte? Sinnlos. Einfach weitergehen? Nicht an dieser befahrenen Straße. Also blieb ihr nichts anderes übrig,  als da zu stehen und zu warten. Dass ihre Freundin gleichzeitig ins Telefon heulte, machte die Situation nicht besser, aber nachdem es nicht das erste Gespräch dieser Art war, erforderte es nicht wirklich ihre Aufmerksamkeit. Sie reagierte schon seit Monaten immer gleich. Sie hätte es aufnehmen und abspielen können. Und so konnte sie die Reaktion der Passanten aus den Augenwinkeln beobachten. Die ältere Dame, die dem armen Kind am liebsten den Kuchen gekauft hätte, weil die böse Mutter ihrem Kind ja keinen Spaß gönnte. Der Geschäftsmann, der nicht verstand, dass eine Mutter das Kind nicht im Griff hatte. Eine Schwangere, die genau zu wissen schien, dass ihr das nie passieren würde. Ein Vater mit Baby im Tragetuch und Kind an der Hand, der verständnisvoll nickte und ohne Worte zum Ausdruck brachte: „der wird sich schon beruhigen – ich kenn das“. Die Mutter, die ihr Kind aus dem SUV hievte und ihr am liebsten mit gönnerhaftem Unterton den antiautoritären Erziehungsstil für diese Situation  verantwortlich gemacht hätte. Die zierliche Frau, die den Boden nach möglichen Gefahrenquellen absuchte und ihr am liebsten eine Packung Desinfektionstücher überlassen hätte. Niemand sprach wirklich mir ihr, aber sie fühlte sich genau beobachtet und amüsierte sich fast ein wenig. Nach einer gefühlten Ewigkeit  hatte sich ihr Kind nun etwas beruhigt und war dem Vorschlag jetzt nach Hause zu gehen und dort eine Banane zu essen gar nicht abgeneigt. Er war erschöpft und setzte sich freiwillig in den Buggy. Nur gegen das Hände abwischen hatte er etwas einzuwenden. Ok, das Immunsystem musste ja auch etwas zu tun bekommen, sagte man das nicht so? Inzwischen hatte auch das Gespräch mit der Freundin ein Ende gefunden, das fiel aber erst jetzt wirklich auf. Hatte sie sich verabschiedet? Sie konnte sich nicht erinnern. Sie  umarmte ihr Kind und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

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