so fing es an . . .

Das war es also jetzt. Sie war alleine, sie hatte Zeit, besser gesagt, sie hatte sich die Zeit genommen und es gab nichts, was heute oder jetzt unbedingt erledigt werden müsste. Nicht dass sie ihre Todo Liste abgearbeitet hätte, aber hatte man das als Hausfrau und Mutter denn jemals? Wohl kaum. Aber sie hatte sich etwas vorgenommen, sie wollte ihren Traum verwirklichen und dafür hatte sie alle Hebeln in Bewegung gesetzt. In ein paar Monaten nach Beendigung der Karenz würde sie wieder beginnen zu arbeiten, ihr Sohn war halbtags im Kindergarten angemeldet, dann würde sie sich wohl kaum langweilen. Jetzt allerdings gab es viele Tage, an denen die Langeweile kaum zu ertragen war. Ja wirklich – Sie war Hausfrau und Mutter eines 1,5jährigen Kindes und es war fad. Es gab Wochentage, an denen kein Mutter-Kind Treffen, kein Babyschwimmen, keine Spielgruppe und auch sonst nichts stattfand oder geplant war, und das bedeutete 12 Stunden, in denen außer aufräumen, kochen, herrichten, Geschirrspüler und Waschmaschine ein- und ausräumen, Bettenmachen und mehrmals Essensreste vom Boden klauben nichts wesentliches passierte. Die Zeit  zwischen all diesen Tätigkeiten war gefüllt mit Bauklötze ausräumen und wieder einsortieren, Turm bauen und zerstören, Ball wegschießen und hinterherlaufen, wickeln, Sabberlätzchen tauschen, zum gefühlten tausendsten Mal dasselbe Pixibuch lesen und so weiter und so fort. Warum sie jemals hatte annehmen können, dass dieser Zustand sie in völlige Glückseligkeit versetzen sollte, konnte sie heute nicht mehr ganz nachvollziehen. Trotzdem: Sie liebte ihr momentanes Leben. Sie war sehr glücklich mit ihrer kleinen Familie und dennoch fehlte ihr irgendwas. Sie hatte recht lange gebraucht, um sich das einzugestehen und um herauszufinden, was sie so unzufrieden machte. Denn weder das Umräumen und Umdekorieren der Wohnung, noch die verschiedenen Babyförderprogramme, noch die biologisch-ökologische Veränderung des Speisplans hatten den gewünschten Erfolg. Sie war um keinen Deut zufriedener. Wenn sie aber etwas geschrieben hatte, in das sie ihre Ideen, Gefühle und noch so viel mehr hatte einfließen lassen können, machte sie das so ungemein froh. Da fühlte sie sich in ihrem Element. Das Problem war nur, dass sie dafür Zeit brauchte. Zeit, in der sie sich nicht um ihr Kind kümmern musste, denn mal schnell so zwischen wickeln und vorlesen, war das nicht zu machen. Der Versuch an den Wochenenden in den kurzen „Papa-Kind-Zeiten“ zu schreiben, war kläglich gescheitert. Die Zeit war zu kurz, Vater und Kind zu laut und vor allem zu nah, und die innere Ruhe, die sie zum Schreiben einfach benötigte, wollte sich so nicht einstellen. Sie genoss diese Stunden zwar sehr, aber geschrieben hatte sie de facto nichts. Der zweite Versuch bestand darin, das Kind in tagesmütterliche Betreuung zu geben, was daran scheiterte, dass ihr Kind  – ja tatsächlich IHR Kind – sozial nicht kompatibel war. Was so viel hieß, dass es innerhalb des Probemonats zur Kündigung des Betreuungsverhältnisses kam. Das führte wiederum dazu, dass sie einerseits ihre Fähigkeiten als Mutter anzweifelte, sich schuldig fühlte, weil sie so egoistisch war und ihr Kind abgeben wollte, um ihrem Hobby nachgehen zu können und sie kurzfristig wirklich überlegte, ihren Traum aufzugeben. Aber war eine unzufriedene Mutter nicht eine noch schlechtere Mutter?  Würde sie ihm später einmal unbewusst Vorwürfe machen, dass sie es seinetwegen nicht einmal versucht hatte? Mit diesen Gedanken und dem guten Zureden ihrer besten Freundinnen war es ihr gelungen, doch noch einen dritten Versuch zu wagen. Sie fragte die beiden Studentinnen, die bisher ab und zu einmal abends aufgepasst hatten, ob diese auch untertags zumindest einmal pro Woche für 3-4 Stunden aufpassen konnten. Das würde zwar einiges kosten – aber das war es ihr wert. Und sie fragte ihre Mutter, ob sie ihren Enkel nicht einen fixen Tag pro Woche etwas länger übernehmen konnte. Heute war der erste Tag, und es schien zu funktionieren. Sie konnte schreiben, ihr Kind war mit einer der Studentinnen im Park. Herrlich! Sie konnte die nächste „Schreibeinheit“ kaum erwarten.

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