Schlafen gehen

Sie war bisher so ungemein stolz auf ihren Sohn gewesen! Das leidige Thema schlafen gehen war nie eines gewesen! Sie wusste, dass das oft Schwierigkeiten machte, aber das hatte sie nie erlebt! Schon als Baby war er immer abends alleine in seinem Bettchen eingeschlafen, sogar in seinem eigenen Zimmer! Natürlich gab es untertags – gerade in der Stillzeit – noch viele gemeinsame Still- und Schlafzeiten, aber abends – immer alleine. Und auch recht früh schon viele aneinanderhängende Stunden. Sie wusste nicht mehr genau, ab wann er durchgeschlafen hatte, so wie sie sich an vieles nicht mehr erinnern konnte. Ab gesehen davon, dass durchschlafen für jeden etwas anderes hieß. Aber er war diesbezüglich wirklich ein Vorzeigekind. Manchmal traute sie sich das gar nicht zu erzählen, weil die anderen Mütter ihr das fast nicht glaubten.
Das hatte sich aber genau vor einer Woche radikal verändert. Er war jetzt knapp drei und hatte beschlossen, nicht schlafen gehen zu wollen. Sie hatten schon seit einer gefühlten Ewigkeit das gleiche Abendritual: essen – baden – Zähne putzen – Pyjama anziehen – EINE (das war ihr sehr wichtig!) Geschichte vorlesen – zudecken – schlafen. nach dem Zudecken hatte sie immer das Zimmer verlassen. Ohne Probleme! Doch auf einmal hieß es: Ich will nicht schlafen, ich bin nicht müde. Da waren nun ihre pädagogischen Fähigkeiten gefragt (und sie war sich nicht sicher, ob sie welche hatte) Zwingen wollte sie ihn nicht, denn sie wollte schlafen niemals mit dem Beigeschmack Bestrafung oder Zwang versehen und das war ihr bisher gelungen, also was sollte sie tun? Noch eine Geschichte vorlesen? Das würde nichts helfen und das würde die eiserne Regel der EINEN Geschichte auflösen. Das wollte sie nicht. Denn das hätte langfristige Konsequenzen, wann konnten es mehrere Geschichten sein, wann nur eine? Und täglich stundenlang vorlesen abends, bis er einschlief – auf keinen Fall. Also auch das nicht. Sie ließ ihn aufbleiben, vielleicht war er ja wirklich nicht müde. Nach einer Stunde der nächste Versuch, der in einem lautstarken Schreianfall endete. Aber sie blieb hart. Entweder er blieb im Bett oder sie machte das Gitter zu. (Sie hatten das Schutzgitter an der Tür noch, das eigentlich fast nie in Verwendung war) Er hasste es, wenn es zu war. Aber das waren die Alternativen, vor die sie ihn stellte. Ein unfassbares Gebrüll. Nach einiger Zeit verebbte es und er blieb. Sie machte das Gitter wieder auf. Dieser Vorgang wiederholte sich nocheinmal, aber dann blieb er – ausgestattet mit all seinen Pixibüchern – tatsächlich im Bett. Am nächsten Abend dassselbe, allerdings nur ein Schreianfall. Sie überlegte, woran das Einschlafproblem liegen konnte. Angst war es nicht, das alleine sein auch nicht, das hatte sie mit ihm ausgiebig besprochen. Brauchte er weniger Schlaf, war der Mittagsschlaf zu viel? Aber wenn er im Kindergarten einschlief, wollte sie auch nicht, dass er daran gehindert wurde. Sollte sie ihn generell etwas später niederlegen? Möglicherweise. Was jedenfalls eine Rolle spielte, war das gemeinsame Abendessen. Er hörte es in seinem Zimmer, wenn ihr Mann und sie gemeinsam aßen und dann hatte er aufeinmal auch wieder Hunger – das war eindeutig. Er wollte das gemeinsame Essen nicht verpassen. Einerseits lästig, aber eigentlich fand sie das echt ok und sie konnte es gut verstehen. Und seit gestern war sie wieder richtig stolz. Es hatte ganz unkompliziert funktioniert. Er hatte zwar auch bahauptet, er wolle nicht schlafen, aber sie hatte ihn wieder vor dieselbe Wahl gestellt. Daraufhin hatte er sich seine Büchersammlung vor dem Bett aufgestellt, sich ins Bett gesetzt und “gelesen” – fast eine Stunde lang, bevor er eingeschlafen war!
Sie hatte jetzt zwei Aufgaben: Seine Müdigkeit zu beobachten und ihn entweder mittags früher, gar nicht oder kürzer schlafen lassen oder ihn entsprechend später abends niederlegen. Und dafür zu sorgen, dass sooft wie möglich ein gemeinsames Abendessen stattfand.
Dann wusste sie, würde sich das alles wieder einpendeln! Sie hoffte, dass es so einfach war!

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