Rührselig?

Sie hatte es schon am Vormittag mitbekommen. Er war gestorben, mit 82, an Krebs. Sie hatte ihn nicht gekannt, also nicht so wie sie ihre Freunde kannte. Eigentlich ein wildfremder. Auch auf der Bühne hatte sie ihn eher selten erlebt. Drei oder viermal höchstens. Sie ging einfach viel zu selten ins Theater, leider. Nicht dass sie nicht wollte, aber sie hatte kein Abonnement, und ansonsten ergab es sich einfach nicht oft. Manchmal hatte sie Glück und sie konnte ihre Mutter begleiten, wenn ihr Vater verhindert war. So wie gestern. Ein gutes Stück – sie hatte es genossen. Nach dem Abschlussapplaus hatte einer der Schauspieler seine Trauer bekundet und es wurde gemeinsam mit dem Publikum in völliger Stille des Verstorbenen gedacht. Alle waren aufgestanden und nur der Gedanke daran ließ ein unbeschreibliches Gefühl in ihr aufkommen. Im Theater hatte sie sogar geweint. Und sie verstand bis heute nicht warum. Es waren schöne und traurige Tränen. Aber ihre Vernunft hatte sie die Tränen schnell wegwischen lassen, Ihre Vernunft hatte sich dafür geniert. War sie so rührselig und war das etwas schlechtes? Sie war verwirrt. Das war nicht ihre Art. Sie war eher bodenständig, realistisch und es war generell nicht so leicht, sie aus der Fassung zu bringen. Aber es gab immer wieder Momente in ihrem Leben, da überkamen sie die Tränen – fast ohne Grund. Eine Szene im Fernsehen, ein kleiner Moment bei der Sonntagsmesse, eine Taufe und natürlich Hochzeiten. Das war nicht immer so gewesen. Früher hatte sie nie verstanden, warum man auf einer Hochzeit weinen sollte. Nun gehörte sie auch dazu. War das das Alter? die Hormone? die Tatsache, dass sie Mutter war? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sich das geändert hatte. Es kam inzwischen einfach viel öfter vor, dass ihr etwas nahe ging. Sie war “nahe ans Wasser” übersiedelt, denn gekommen war sie eher aus der Wüste. Es war schön und beunruhigend. Es machte ihr auch ein bisschen Angst. Sie war emotionaler als früher, ihre Gefühle hatten mehr Platz bekommen. Das war nie eine bewusste Entscheidung gewesen, das hatte sich so entwickelt. Sie hatte aus verschiedenen Erfahrung gelernt. Schöne, schmerzhafte – es war alles dabei gewesen. Früher hatte sie ihre Gefühle oft verdrängt – ihnen keinen Raum gegeben, alles rationalisiert. Das tat sie heute nicht mehr – zumindest nicht so intensiv. Das gab ihr mehr das Gefühl zu leben. Dafür aber auch weniger zu funktionieren. Und das war gut so, oder nicht? Denn gerade als Mutter wollte sie nicht funktionieren, sie wollte es sein. Als Ehefrau wollte sie nicht funktionieren, sie wollte es sein. Hausfrau? nein – hier nicht – da musste ein funktionieren genügen. Im Job? das kam darauf an. Ihr Job, in dem sie Geld verdiente? – da wollte sie funktionieren. Könnte sie dagegen ihre Leidenschaft zum Beruf machen – das wäre ein Lebenstraum. Auch wenn das jetzt überheblich klingen würde, sie war einverstanden damit, wie sich ihr Leben entwickelte. Sie musste nur noch damit umgehen lernen, dass ihre Gedanken den Entwicklungen hinterherhinkten und alles oft erst viel später einen Sinn ergab.

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