Proseccomütter

Komischer Name aber irgendwie passend. Eine Proseccomutter. Jawohl das war sie. Eine Mutter, die gerne Prosecco trank, denn kein Alkohol war auch keine Lösung. Sie hatte ein ziemlich fixes Bild einer Proseccomutter, aber wenn sie sie beschreiben müsste? Wie würde sie beginnen?
Auf jeden Fall ein sehr traditionelles Familienbild. Die Frau ist in Karenz, der Mann geht arbeiten. Die Frau ist zuständig für Haushalt und Kinder, der Mann hilft an den Wochenenden ein bisschen mit. Eine Proseccomutter hat immer alles im Griff. Bei der Erziehung hat sie es schwer. Prinzipiell will sie es anders machen als ihre Mutter und trotzdem will sie, dass sich die Kinder gut benehmen. Sie will ihnen mehr Freiheiten geben, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Spielraum, sie will nicht bestrafen und scheitert immer wieder an diesen Vorhaben. Mädchenmütter haben es da einfacher. Burschenmütter versuchen die Aggressionen, den natürlichen Bewegungsdrang ihrer Söhne zu verstehen, und bemühen sich redlich, ihnen die Möglichkeiten zu geben, das auszuleben, würden sich aber wünschen, dass sie ein bisschen mehr wie die Mädchen wären, wenn sie sich mit anderen treffen. Proseccomütter sind Vollzeitmütter solange sie in Karenz sind, freuen sich aber, wieder in Teilzeit arbeiten zu gehen, sobald der Kindergarten begonnen hat. Üblicherweise passiert das, wenn das erste Kind 1,5 oder 2 Jahre alt ist, sofern zu diesem Zeitpunkt nicht schon das zweite Kind unterwegs ist. Sie lieben es, herzige Kinderkleidung zu kaufen, freuen sich aber genauso über die Gummistiefelangebote beim Diskonter oder das günstige Gatschoutfit aus dem Kaffeehandel. Sie fahren einen Familienvan, werden bei der Kinderbetreuung von der eigenen Mutter unterstützt, zu der sie meistens ein gutes Verhältnis haben und die meistens in der Nähe wohnt. Die Schwiegermutter kommt weniger oft zum Zug, entweder weil sie zu alt ist, weiter weg wohnt oder als nicht kompetent genug eingestuft wird. Sie kochen mit biologischen Zutaten, seit sie Kinder haben, und bemühen sich sehr um einen gesunden Lebensstil. Sie jammern, weil sie nicht mehr so schlank sind wie früher und keine Zeit für Sport haben. Sie hätten gerne ein paar Kilo weniger und probieren deshalb unterschiedliches aus und diskutieren das gerne untereinander. Die schlanken Proseccomütter tun es ebenfalls – der Entschlackung zuliebe. Die meisten haben eine Hilfe, die regelmäßig zur groben Schmutzbeseitigung vorbeikommt und eine Liste von zwei bis drei Babysittern, die bei Bedarf zur Verfügung stehen. Diese Nummern werden selten ausgetauscht, denn keine möchte diese unentbehrlichen Kräfte mit den anderen teilen oder sie gar an sie verlieren. Die Familie einer Proseccomutter wohnt in der Stadt, verbringt Wochenenden oder Ferien aber auf dem Land, entweder in unmittelbarere Nähe zu einem See oder mit Poolzugang. Je nach finanzieller Lage sind diese Zufluchten im Eigenbesitz, gemietet oder im Besitz der Eltern oder Schwiegereltern. Die Kinder gehen in ausgesuchte Schulen, oft in dieselben, in denen ein Elternteil schon war. Sie arbeiten halbtags, aber selten, um tatsächlich Karriere zu machen, mehr um einfach etwas dazuzuverdienen und damit das vorbildlich abgeschlossene Studium nicht ganz umsonst war. Und das wichtigste zum Schluss: Wenn man sich trifft, wird nicht nur Kapselkaffee nach dem Vorbild eines attraktiven Schauspielers getrunken sondern gerne auch ein Gläschen Prosecco. Am Wochenende und wenn die Kinder schon im Bett sind auch gerne mehr. So wie die Männer nach einem anstrengenden Arbeitstag gerne mal ein Bier trinken, entspannen die Frauen beim Prosecco – am liebsten in Gesellschaft anderer proseccotrinkender Mütter. Ausnahmen werden gemacht während der Schwangerschaft und Stillzeit, wobei das volle Stillen auch selten länger als ein halbes Jahr andauert. Natürlich trifft nicht auf jede Proseccomutter alles zu, aber in vielen der angesprochenen Bereiche sind sie sich ähnlich!
Und zu dieser Gruppe musste sie sich definitiv auch dazu zählen. Nicht alles traf zu aber sehr viel. Vielleicht sollte sie noch ergänzen, dass keine dieser Mütter ein Alkoholproblem hatte, weil das vielleicht für manche so klingen mochte, denn auch völlige Abstinenz aus Abnehmgründen kam bei ihnen hin und wieder vor. Prinzipiell hasste sie es zwar, in eine Schublade gesteckt zu werden, aber in dieser fühlte sie sich durchaus wohl.

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