Neid auf Conchita

Irgendwie ein Tag wie immer und irgendwie auch nicht. Er würde sich wie immer in die Arbeit stauen müssen, und würde wahrscheinlich wieder zu spät kommen, obwohl er genau das hasste. Er fuhr ohnehin rechtzeitig weg, aber aus einem ihm unerfindlichen Grund schaffte er es dennoch nie, pünktlich zu sein. Aber das war fast so etwas wie ein Lebensmotto für ihn. Er bemühte sich, aber er schaffte es nicht. Es – das stand für so ziemlich alles. Sein Leben, sein Job, seine Beziehung und so weiter. Er mochte seinen Job – er war ausgebildeter Visagist, Maskenbildner und Friseur. Seinen Lebensunterhalt betritt er hauptsächlich als Friseur. Und das störte ihn vielleicht am meisten, nicht dass er es nicht gerne tat, aber die Kunden waren das Problem. Immerhin gaben die immer vor, was und wie er zu schneiden hatte. Dabei hatte er so gute Ideen. Kundinnen mit einer traumhaften Naturwelle wollten, dass er es so aussehen ließe, als hätten sie keine und ähnliche Wahnsinnigkeiten. Er konnte die Wünsche erfüllen, deshalb war er auch gut gebucht, aber in vielen Fällen wiederstrebte es ihm. Und dann war da noch das Gequatsche. Er plauderte selber sehr gerne und deshalb war er an den langweiligen Alltagsgeschichten seiner Kunden nicht wirklich interessiert. Er hatte immerhin ein eher ungewöhnliches Leben. Er war schon fast fünfzig, hatte lange braune Haare, trug immer noch Kleidergröße 36 und High Heels. Und Frauenkleider. Frauenkleider war das falsche Wort. Er machte sich gerne chic. Als Frau. Eben mit High Heels, Minirock und Schlauchtop. Das gehörte zu ihm. Es machte ihm Spaß und er fühlte sich wohl, wenn er sich schön machen durfte. Seine Ausbildung half ihm dabei natürlich sehr, und je älter er wurde, desto mehr davon musste er sich zunutze machen um optisch die zu sein, die ihm gefiel. Er liebte Glamour und Glitzer und er fand es schade, dass es viel zu wenig Anlässe und Möglichkeiten gab, das auch auszuleben. Sein Mann, juristisch korrekt musste er wohl von seinem Lebenspartner sprechen, war da ganz anders. Er mochte es überhaupt nicht, aufzufallen und hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Manchmal war er eine richtige Spaßbremse. Er liebte ihn und das schon ziemlich lange, sie waren glücklich zusammen, aber für High Heels hatte er einfach kein Verständnis. Dabei wünschte er sich nichts sehnlicher als ein einziges Mal ein Kompliment für sein Outfit oder sein Aussehen, aber er hatte in all den Jahren noch nie eines bekommen. Ganz im Gegenteil. Und wieder war es so – er bemühte sich, aber es gelang nicht wirklich. Sein Lebensmotto. Und es machte ihn manchmal traurig. Er hatte so dafür gekämpft, akzeptiert zu werden, selber auch herauszufinden, was er wollte, wen er wollte und was er aus seinem Leben machen wollte. Er war auch zufrieden mit dem, was er erreicht hatte. Immerhin konnte er offen und ehrlich leben und einfach so sein, wie er war, und trotzdem – irgendetwas passte nicht. Irgendwie beneidete er Conchita, die hatte es so leicht – ein Durchbruch und jeder kannte sie so wie sie war, bei ihm hatte es Jahre gedauert – unendlich viele Einzelkämpfe. Bei Conchita schien das alles im Verglich so locker. Sie lebte ihre Leidenschaft voll und ganz aus. Nicht so wie er – zerrissen irgendwie. Bei Conchita war es ganz oder gar nicht. Entweder Mann in Jogginghose oder Frau im Abendkleid. Er war immer irgendwie dazwischen. Er war im Alltag schon Mann, aber seine Haare und seine Schuhe sorgten immer wieder für neugierige Blicke. Heute aber auch schon viel weniger als früher. Er war ein Mann. Er wollte auch keine Frau sein, nur manchmal, weil es Spaß machte. Er beneidete Conchita, sie war jünger, sie hatte noch mehr Möglichkeiten, ihr standen viele Türen offen. Er war irgendwie gefangen in seinem Job in seiner Beziehung in seinem Leben. Und er wollte auch nicht wirklich etwas anderes, nur manchmal – in Momenten wie diesen – juckte es ihn, nochmal ganz neu anzufangen. Aber es fehlte ihm der Mut. Es stand zu viel auf dem Spiel, weil aufgeben wollte er sein bisheriges Leben ja auch nicht – und das würde ein Neustart aber unweigerlich bedeuten. Er könnte ein neues Leben beginnen, wenn er wollte, aber wenn er es sich so recht überlegte, wollte er das gar nicht. Er war zufrieden und glücklich, aber irgendetwas würde er wieder ändern müssen. Auch wenn es nur etwas kleines war.

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