Nachts

Da saß sie also und der kleine schlummerte auf ihr – endlich. War sein Schlaf schon tief genug, dass sie aufstehen konnte, um ihn wieder in sein Bettchen zu legen? Oder sollte sie noch etwas warten? So bequem war der Schreibtischsessel ihres Mannes nun auch nicht. Eine Lichteinheit würde sie noch abwarten. Sie hatte hier nämlich überhaupt kein Gefühl für Zeit. Es war mitten in der Nacht, genauer konnte sie es nicht sagen. In diesem Zimmer gab es auch keine Uhr aber sehr viele Computerkastln, also möglicherweise eine Festplatte, ein Server und noch so einiges. Nur Bildschirm, Tastatur und Drucker konnte sie eindeutig benennen, den Rest nicht. Aber genau die anderen undefinierbaren Geräte hatten Lichter in allen Farben: rot, grün, gelb – faszinierend. Und eines dieser Lichter ging manchmal an und dann wieder aus. Das hatte sie als eine Lichteinheit definiert, um die Zeit irgendwie messen zu können. Wenn sie ein Auge schloss, dann verschwommen diese Lichter – dank ihrer nicht zu verachtenden Fehlsichtigkeit – und sie konnte die einzelnen Farben kaum mehr wahrnehmen. Irgendwie schön. Ab und zu blickte sie auch aus dem Fenster und konnte mit zwei geöffneten Augen das ein oder andere Auto erkennen oder ein Räumfahrzeug. Ja, es hatte geschneit, das erste Mal in diesem Winter und nein – leider war nicht der 23. Dezember – das wäre zu schön, um wahr zu sein. Es war unglaublich still und so schön weiß. Der Schnee dämpfte jegliches Geräusch. Nur das Räumfahrzeug hörte man. Das wäre ein Job für sie: Hauptarbeitszeit bei Kälte, Schnee, in der Nacht, alleine – damit könnte man sie echt bestrafen. Da war sie richtig froh, hier im warmen zu sitzen. Obwohl sie noch viel lieber im Bett läge, aber da lagen schon zwei andere und die hatte sie weiterschlafen lassen wollen, als die Schreierei begonnen hatte. War es nicht großartig; Mutter zu sein? In solchen Nächten sollte man sie das besser nicht fragen. Wobei jetzt, wenn er auf ihr eingeschlafen war und ruhig und tief atmete, war ja alles wieder verziehen. Dann war die Welt wieder in Ordnung. Aber wenn zwei kleine Racker im Familienbett mitten in der Nacht zu kuscheln begannen, oder einer auf seinem Platz in der Mitte bestand, oder einer unbedingt AUF dem anderen liegen wollte, war es aus mit dem Schlaf. Oder der Kleinere aus unerfindlichen Gründen seine Unzufriedenheit lautstark kundtun musste. Dann blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihm das Schlafzimmer zu verlassen, da sie leider immer die erste war, die aufwachte. Das lag wohl in den mütterlichen Genen. Der andere Erwachsene bekam die nächtlichen Unterbrechungen ja zum Großteil nicht mit. Würde es wieder mal eine Nacht ohne Unterbrechung geben? Einmal alleine richtig durchschlafen? Das hieß für sie – richtig lange, mindestens 10 Stunden, momentan ginge sicher auch mehr. Wäre das schön! Vielleicht sollte sie doch einmal versuchen, ein kinderfreies Wochenende zu organisieren. Das nahm sie sich fest vor. Das würde ihr gut tun. Aber sie würde die Kinder vermissen. Dieser permanente Zwiespalt war etwas, was ihr immer öfter auffiel. Sie liebte ihre Kinder über alles, aber manchmal würde sie sie auch zur Adoption frei geben. Sie genoss das gemeinsame Schlafen im Bett, sie verfluchte es, wenn die Kinder ihre Köpfe oder Füße nicht unter Kontrolle hatten. In Karenz zu sein war Luxus und Entbehrung zugleich. Sie war stolz darauf, dass der Große schon so vernünftig war, sie wünschte, er wäre es nicht, wenn sie mit ihm zu diskutieren hatte. Sie liebte die Anhänglichkeit des Kleinen und war unglücklich, dass sie nie alleine den Raum verlassen konnte. Es war so unglaublich schön, wenn er auf ihr schlief und doch wollte sie so gerne selber schlafen. Das Licht ging wieder an, was ihr Zeichen war. Vorsichtig erhob sie sich, achtete darauf, dass der Schnuller nicht verloren ging und legte ihn vorsichtig in sein Bett. Nur ein kleines Schnaufen und er schlief weiter. Dann rollte sie den Großen behutsam in die Mitte, um etwas mehr als zehn Zentimeter von ihrem Kopfpolster zu bekommen. Welcher Tag war heute? Würde der Wecker läuten? Sie war sich nicht sicher und beließ es dabei.

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