Mütterausflug

Sie wollten alle gemeinsam in den Zoo gehen. Also so eine ganze Mütter-Kinder-Runde. Sie war kein Fan solcher Großveranstaltungen, irgendwie war es immer stressig. Ein netter Plausch mit einer anderen Mutter war eigentlich nicht möglich, weil irgendein Kind immer auf eine blöde Idee kam, und es waren immer alle Mütter für alle Kinder verantwortlich. Auch sie hatte das Gefühl, sie müsste immer alle Kinder im Auge haben, schließlich hoffte sie ja auch, dass eine der anderen Mütter bei ihrem Kind notfalls eingreifen würde, wenn sie mal kurz in der Handtasche nach einem Feuchttuch wühlte. Und dann dieses wetteifern – niemals offensichtlich – immer sehr unterschwellig. Welche Mutter hatte die beste Jause mit? Welche Reiswaffel war die tollste? Welche Mutter hatte das meiste Obst oder Gemüse und süße kleine Formen geschnitten und in bunte Plastikdosen in Autoform verpackt? Welche Mutter hatte die beliebten Dinkelbrezeln mit? Und dann diese unschuldige Frage an die Mutter, die das alles nicht mithatte – „Darf Deiner auch? Ich hab genug mit!“ Wie sie das hasste! Dann antwortete sie mit dem liebevollsten Lächeln, das ihr möglich war: „Aber natürlich – mein Kleiner isst immer am liebsten, das was die anderen essen. Aber ich hätte dann auch noch was mit, falls Deiner dann noch was möchte?“ Wohlwissend, dass weder ihr Brot noch ihre Banane auf reißenden Absatz hoffen konnten. Das leicht mitleidige „ja, so sind sie die Kinder“, gefolgt von einem missbilligenden Blick auf ihre Banane, darauf konnte sie echt verzichten. Sie wusste aber auch, dass ihr Kind außer Banane momentan kein Obst aß und auch jede Naschheidelbeere, die er bei anderen Müttern bekam, wieder ausspuckte, sobald er konnte. Und dass Soletti spannender waren als einfaches Brot, das war eh klar. Und dass dieses pick süße Riegelzeug und die zuckerüberzogenen Reiswaffeln den Kindern gut schmeckten, war kein Wunder. Aber das wollte sie nicht! Ihr Kind durfte prinzipiell alles essen – aber wenn sie unterwegs waren hatte sie ein Stück Obst mit und ein Brot oder etwas Ähnliches. Alles andere war ihr auch – ehrlich gesagt – zu mühsam und sie erkannte keinen Sinn darin. Sie präsentierte ihrem Kind einfach kein Sortiment aus 5 verschiedenen gestiftelten Obstsorte und 4 verschiedenen Biocrackern süß und salzig. Aber die süßen „je eh nur mit Agavensirup“ und die salzigen „mit Biospezialsalz“ – natürlich viel besser als Zucker und Ischler Salz – und natürlich aus Dinkel. Konnte ihr mal einer erklären was an Dinkel so besonders war? Und an einem Sirup? War das besser für Yin und Yang? War das Biosalz aus Dipstrü besser als konventionelles aus Ischl? Und bestand Sirup nicht genauso aus reinen Zuckermolekülen? Sie wollte ihrem Kind beibringen, was Obst war, es sollte wissen wie ein Stück Obst aussah und dass man da reinbeißen konnte. Er sollte wissen, dass es nicht in sternförmig am Baum wuchs – und zwar von Anfang an. Es sollte wissen, dass der Apfelbaum im Buch die Früchte trug, die er ab zu essen sollte. Sie kaufte keine Speziallebensmittel für ihn. Sie kaufte Bio so oft und so gut es ging für alle. Mit Ausnahme der Hirstestangerl kaufte sie ihm nichts, was sie nicht auch selber essen würde. Natürlich sollte man Kindern eine möglichst große Vielfalt zur Verfügung stellen – aber doch nicht auf einmal! Ja auch möglichst abwechslungsreich sollte es sein – aber dazu musste sie das doch nicht immer mitschleppen! Das konnte man doch zuhause tun! Dort, wo die meisten Kinder dieses Alters die meisten Mahlzeiten einnahmen. Aber dann sahen es die anderen ja nicht! Und das eigene Kind dankte es einem nicht – also wollte man doch zumindest die bewundernden Blicke der anderen Mütter und die Bestätigung, dass man selber einfach am besten für sein Kind sorgte – war es nicht ein bisschen so? Fühlte sie sich deshalb immer ein bisschen schlecht, weil sie so wenig für Kind mithatte? Wahrscheinlich. Sie war die Mutter, bei der sich die Kinder nicht anstellten. Eigentlich sehr befreiend. Sie entspannte sich. Es würde genug zu essen geben – sollte sie die Banane überhaupt noch einstecken?

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