Kind krank

Das Aufopfern lag ihr nicht. Nein – sie hasste es. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass gerade das momentan von ihr gefordert war. Ihr Kind war krank. Schon wieder. In den letzten 5 Woche hatte es gerade mal  9 von 25 Tagen im Kindergarten verbracht. Das klang ja gar nicht so schlimm, aber das war es! Vor allem, weil ihr Kind ja nicht wirklich krank war. Aber er musste zuhause bleiben  – auf Anraten der Ärztin und weil er Fieber hatte. Aber gäbe es kein Thermometer, würde das ja niemand vermuten. Er war genauso munter und quietsch fidel wie sonst. Ok – zugegeben  – fast so wie sonst. Er schlief nachmittags ein bisschen tiefer und länger und er war eine Spur anhänglicher, aber sonst keine Krankheitssymptome. Er tollte durch die Wohnung und wollte unterhalten werden.  Und das war anstrengend, nerv tötend und langweilig. Vorlesen, Puzzle machen, Lego bauen und zerstören. Die Spiele waren zwar schon ein bisschen vielfältiger und interessanter, aber so mehrere Tage hintereinander – pfuuhhh.  Sollte sie nicht als Mutter völlig aufgehen darin, soviel intensive „Quality Time“ mit ihm verbringen zu dürfen? Sollte sie gar dankbar sein dafür? Es richtig genießen? Ja sie war dankbar. Dankbar, dass er nicht wirklich schwer krank war. Dankbar dafür, dass sie einen Job hatte, der es ihr ermöglichte, so viel Zeit für ihn zu haben. Und es gab viele Momente, die sie auch richtig genoss. Es war schön, wenn er sich an sie kuschelte, wenn sie für wenige Minuten richtig Lego spielten, wenn er auf ihrem Schoß saß, während sie vorlas. Nervig wurde es dann, wenn sie dasselbe Buch zum fünften Mal innerhalb der letzten Stunde vorlesen musste, wenn sie ihm ein Mittagessen vorbereitete, das er nicht anrührte, wenn er mit Fingerfarben malen wollte, nach 1 Minute das Interesse verlor,  und sie dann 15 Minuten damit beschäftigt war, ihn und seinen Malplatz in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Wenn sie Lego spielen wollten, und er es besonders lustig fand, die Steine in der ganzen Wohnung zu verteilen. Es war ja nicht so, dass sie mit diesen Situation nicht umzugehen wusste. Aber es war mühsam. Es war mühsam, weil sie wusste, dass das alles den ganzen Tag  in Anspruch nahm. Sie war einfach viel entspannter und gelassener, wenn sie den Vormittag „sinnvoll“ verbracht hatte. Wenn sie gearbeitet hatte, wenn sie Termine erledigt hatte,  wenn spürbar etwas weitergegangen war. Und bei all diesen Gedanken hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie fühlte sich egoistisch und undankbar. Sie hatte das Gefühl, dass sie ihr Kind „loswerden“ wollte, weil sie sich so freute, wenn er wieder in den Kindergarten ging. Aber sie liebte ihr Kind wirklich über alles. Er war ein Wunschkind  – und das musste sie sich zu ihrer eigenen Verteidigung auch immer wieder vorbeten. Aber was genau musste sie verteidigen? Die Tatsache, dass ihr die „freien“ Vormittage abgingen? Dass sie die Zeit ohne ihn auch sehr genoss? Dass sie ihn nicht rund um die Uhr um sich haben wollte? Dass sie zufriedener war, wenn sie nicht nur Mutter war? Dass sie sich auch beruflich weiterentwickeln wollte? Dass sie sich nicht selbst aufgeben wollte? Musste sie sich dafür wirklich entschuldigen? War das verwerflich? Wohl kaum. War sie deshalb egoistisch? Vielleicht. Wollte sie ihrem Kind zeigen, dass es wichtig war, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen? Wollte sie ihm darin ein Vorbild sein? Auf jeden Fall. Nein sie war keine schlechte Mutter, sie durfte diese Gefühle zulassen. Und es war für sie auf einmal in Ordnung ein klein wenig zurückzustecken, solange er krank war, aber sie würde den Rest ihrer Familie um mehr Unterstützung bitten, damit sie ein kleines bisschen etwas tun konnte, was ihr wichtig war.

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