Kids Fashion Day

Über ein soziales Netzwerk war sie „eingeladen“ worden. Zu einem Kindermarkttag. Ok genau genommen zu einem Kids Fashion Day. Klang viel cooler. Sie hatte sofort auf „absagen“ gedrückt. Automatisch – intuitiv. Warum eigentlich? Immerhin würde sie dort sicher alte Bekannte wieder treffen, Klassenkolleginnen, Freundinnen aus Tanzschulzeiten. Inzwischen alle selber Mütter von einem bis 4 Kindern. Süßen Kindern wohlgemerkt mit top gestylten Mums. Kleidergrüße 36 knapp nach der letzten Schwangerschaft. Den beigen Bugaboo mit der passenden Wickeltasche. 300€ Ballerinas, weil die halt doch bequemer waren. Familienauto: SUV Marke Porsche, BMW oder Audi. Mindestens einen Zweitwohnsitz am Land. Einen Familienhund. Familienfoto Sommer: Alle in Tracht, Mütter und Töchter die Dirndl in derselben Farbe, das Karomuster der Hemden von Vater und Sohn ident – maßgeschneidert, dazu Lederhose. Wenn die Mütter berufstätig waren, waren sie das entweder im familieneigenen Betrieb, sie hatten eine Nanny oder sie waren mit Leib und Seele Hausfrau und Mutter. Karriere war für die Frauen so gut wie ausgeschlossen, das war den dazugehörigen Männern vorbehalten, die entweder Anwalt oder Arzt waren oder im Chefsessel des erwähnten Familienbetriebs saßen. Sie war sich hundertprozentig sicher, dass auch in diesen Familien nicht immer alles rund lief, dass es Konflikte gab, dass es manchmal schmutzig war, dass die Frauen oft unzufrieden waren. Aber offenbar durfte das nie nach außen dringen. Das waren wohlgehütete Geheimnisse. Denn es war immer alles strahlend, alles sauber und alles gut. Diesen Eindruck hatte sie. Es schienen alle immer glücklich. Das machte sie persönlich unrund. Da fühlte sie sich immer so unzulänglich. So unordentlich, so ungepflegt, so dick. Sie hatte das Gefühl nicht dazu zu passen. Und es war ihr auch ganz recht. Mit ihrer Familie fühlte sie sich wohl, mit ihren jetzigen Freundinnen konnte sie gut reden. Ja – auch dass einem als Mutter manchmal die Decke auf den Kopf fiel, dass sie manchmal unglücklich war, dass nicht immer alles rund lief, dass sie Fehler machte, dass sie nicht perfekt war. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ja schon seit Jahren nicht mehr dazugehörte. Vielleicht gab es auch bei den perfect mums auch einmal ein ehrliches Gespräch. Über Sorgen und Probleme, die hoffentlich auch darüber hinausgingen, wo man denn passende Tischdecken für den Kindergeburtstag bekommen würde. Nicht dass sie es ihnen nicht gönnen würde, wenn das die einzigen Probleme wären, die sie beschäftigten, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass es das gab. Dass die größten Sorgen die waren, wo man denn Torten und Brötchen bestellen konnte, welcher Osteopath kinderfreundlicher war, welches Hotel in Italien die neueren Zimmer hatte und die besseren Kinderspaghetti kochte. Sie war voreingenommen, das gab sie ja auch zu, aber bei jedem neuerlichen Treffen bewahrheiteten sich ihre Vorurteile aufs Neue. Und dabei fühlte sie sich nicht wohl. Abgesehen davon, dass sie mit dem Geld, das sie auf einem Kids Fashion Day ausgeben würde können, eine Woche Familienurlaub planen konnte. Auch das wollte sie sich ersparen. War nicht die Fastenzeit die Zeit des Verzichtens? Dann würde sie damit anfangen

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