kein Englisch

Soo entsetzt hätte ihre Kollegin jetzt auch nicht reagieren müssen. Das war doch kränkend irgendwie. Sie konnte nun mal kein Englisch. Sie hatte es nie gelernt. Sie hatte auch keine Matura. Aber sie war trotzdem berufstätig, hatte eine Familie und war sehr glücklich mit ihrem Leben. Sie konnte gar keine Fremdsprache, wenn man ihren Dorfdialekt nicht dazu zählte – das war einfach so und genau genommen hatte sie das auch nie gebraucht. Sie war auf dem Land aufgewachsen und hatte im nächstgrößeren Dorf die Schule besucht. Zum Schluss waren sie so wenige Schüler, dass die verschiedenen Altersstufen in eine Klasse zusammengelegt wurden, wofür es sogar eine Sondergenehmigung gab. Da war der Englischunterricht, den es geben sollte, ebenso wie die anderen Fächer aber deutlich zu kurz gekommen. Das musste sie zugeben.  Das war ihr aber erst aufgefallen, als ihre eigenen Kinder in die Schule gekommen waren und sie erleben konnte, was man heutzutage in der Schule alles lernte. Bei den Hausübungen musste also immer ihr Mann helfen, er hatte eindeutig die bessere Ausbildung. Er hatte einen Lehrabschluss und später sogar die Matura nachgeholt und war inzwischen selbstständiger Malermeister und hatte 3 Mitarbeiter. Sie war schon mächtig stolz auf ihn. Sie selber hatte nicht einmal irgendeine Berufsausbildung. Nach ihren Pflichtschuljahren hatten ihre Eltern sie in die Stadt zu ihrer Tante geschickt, wo sie im Geschäft als Verkäuferin mitarbeiten durfte und so erstmals ihr eigenes Geld verdiente. Es war nicht viel, aber es reichte. Sie lebte bei ihrer Tante und sie lebte sich erstaunlich schnell ein. Ihr gefiel es in der Stadt so gut, dass sie gar nicht mehr weg wollte. Es war so viel los! Es war so aufregend! Man lernte so viele Menschen kennen. Da blieb keine Zeit für eine Ausbildung, außerdem brauchte ihre Tante sie im Geschäft. In dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann kennen.  Sie zogen rasch zusammen,  wobei ihr Vater damit anfangs gar nicht einverstanden war. Aber sie war sehr eigenständig geworden in der Stadt und sie konnte ihren Willen durchsetzen. Zwei Jahre später heirateten sie und gründeten bald darauf eine eigene Familie. Ihr Mann musste viel arbeiten und lernte abends für die Matura, also kümmerte sie sich alleine um den Haushalt und um ihre drei Kinder. Sie war glücklich. Es fehlte ihr an nichts. Erst als die Kinder langsam selbstständiger wurden, und sie wieder etwas arbeiten wollte, war sie an ihre Grenzen gestoßen. Da war ihr erstmals klar geworden, dass eine Ausbildung ganz gut gewesen wäre. Aber nach einem Computerkurs hatte sie sogar einen Bürojob in einer großen Firma bekomme. Sie war für alles zuständig, wofür die anderen keine Zeit hatten. Listen in den Computer tippen, kopieren, den Besprechungsraum herrichten und für die Verpflegung sorgen. Sie war dort „Mädchen für alles“. Sie kam gut mit den Kollegen und Kolleginnen zurecht und war mit manchen inzwischen fast befreundet – also beruflich befreundet. Ihre Familien kannten sich nicht, aber ab und zu gingen sie nach der Arbeit noch gemeinsam was trinken. Sie hatten alle einen sehr lockeren Umgangston, alle sprachen sich mit dem Vornamen an, und daher war es noch nie jemandem aufgefallen, dass sie keinen akademischen Titel hatte.  Scheinbar waren alle immer davon ausgegangen, dass sie „eine von ihnen“ war. Waren sie deshalb so überrascht und fast entsetzt, dass sie kein Englisch sprach? Dass sie keine Ausbildung hatte  – mal abgesehen vom Computerkurs – schien die anderen wirklich zu irritieren. Sie merkte, wie sie alle grübelten, wie es denn dazu kommen hatte können. Sie fühlte sich mies und herabgesetzt, denn das war doch bisher auch nie ein Problem gewesen! Würden sie sie jetzt anders behandeln? Würde sie nun nicht mehr dazu gehören? Davor hatte sie am meisten Angst. Sie machte ihre Arbeit doch genausgut wie sonst auch. Es hatte nie Beschwerden gegeben. Sie war immer noch dieselbe. All das hätte sie am liebsten laut herausgeschrien, aber das schien ihr dann doch unpassend. Sie würde einfach abwarten müssen. Sie hatte kein Problem damit. Sie hoffte, die anderen auch nicht.

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