frustriert

Schon wieder war er krank. Wobei schon wieder eh übertrieben war, den Frühling hatte er ziemlich gesund überstanden. Aber er hatte halt Fieber, schon den zweiten, eigentlich dritten Tag. Er tat ihr leid, und sie tat sich auch leid. Beide waren sie gleichermaßen unglücklich darüber, dass er nicht in den Kindergarten konnte. Es waren Sommerferien und sie gehörte zu den Rabenmüttern, die ihr Kind auch in den Sommermonaten abgaben, obwohl es nicht unbedingt notwendig wäre. Sie arbeitete ja nur ein paar Stunden, und das könnte sie natürlich anders organisieren, aber sie genoss die teilweise freien Vormittage sehr. Gerade diese Woche hätte sie aber ihre Nachfolgerin einschulen sollen, und hatte einige zusätzliche Termine, also gerade diese Woche war es sehr ungünstig. Aber war das nicht immer so? Und irgendwie war er ja besonders süß, wenn er krank war. So anschmiegsam und so kuschelbedürftig! Das war er sonst nicht mehr so! Wenn er nachts in ihr Bett kroch und nur sie ihn streicheln dufte – das waren so wunderschöne Momente! Sie war auch sehr glücklich darüber, dass es ihr möglich war, in solchen Situationen da zu sein. (Fast) alles berufliche kurzfristig verschieben oder absagen zu können. Dafür war sie sehr dankbar. Und trotzdem war ein solcher Tag – 24 Stunden krankes Kind betreuen – nicht ihr Traumjob. Sie war am Abend ausgelaugt, schlecht gelaunt, unzufrieden. Sie hatte das Gefühl nichts getan zu haben, kein Ergebnis, kein Hakerl auf einer imaginären To Do Liste, keine Effizienz. Sie wusste, dass das nicht wichtig war, dass das als Mutter einfach nicht immer funktionierte, dass es (glücklicherweise) solche Tage auch geben musste. Dass Muttersein einfach ein Fulltime Job war, der sich nicht an Ergebnissen messen ließ. Aber sooft sie sich das auch vorbetete, es stellte sie nicht zufrieden. Noch drei Monate dann würde es nur mehr solche Tage geben! Dann wäre sie eine Zeitlang wieder Fulltime Mutter. Dann würde sie wieder ein Neugeborenes in Händen halten! Sie freute sich riesig – ja klar, aber ein kleines bisschen Skepsis war auch dabei. Wenn es nach Ihr ginge, würde Sie der ersten zwei Jahre gerne in sechs Monaten erledigt haben. Das wär´s. Sie hatte gemerkt, wie sie in Ihrer Mutterrolle viel zufriedener war, als ihr großer zwei geworden war! Als er halbwegs sinnvoll kommunizieren konnte, als er regelmäßig vormittags ein paar Stunden im Kindergarten war. Halbtagsmutter – das war schon viel eher ihre Berufung. Dann konnte sie auch viel besser mit dem ein oder anderen Krankheitstag umgehen und der Situation etwas positives abgewinnen. Vielleicht war sie deshalb jetzt so unrund. Es gab noch so viele Dinge, die sie vor der Geburt erledigen wollte – für sich – für ihr privates Projekt – für ihre Leidenschaft – ihrem Hobby. Alles so herrichten, dass sie auch mit Säugling die ein oder andere Minute für sich würde erübrigen können. Pläne über Pläne . .und die Zeit zerrann unter ihren Fingern. Ein Monat war schon wieder um, die letzten Arbeitstage lagen vor ihr, der Mutterschutz in greifbarer Nähe. Ein gutes Gefühl und trotzdem schien ihr die zeit wieder zu kurz, um all das zu tun, was sie gerne noch tun wollte. Aber auch das wusste sie – es würde sich schon irgendwie ausgehen. Wie immer. Es ging sich immer irgendwie aus und dann war sie auch stolz. Nur dass es so wenig messbare Ergebnisse waren frustrierte sie manchmal. Dass es nichts war, was man stolz im Freundeskreis erzählen konnte. Dass es hunderttausende Kleinigkeiten waren, aber nicht ein Schritt auf der Karriereleiter. Es war nichts vorweisbares, lauter (un)wichtige Alltagsdinge. Nichts, wofür man sich Lob verdiente. Nichts womit man Geld oder Anerkennung verdiente. Und dann blieb ein kleines bisschen Zeit für ihr Hobby, mit dem sie so gerne erfolgreich wäre, um diese Anererkennung zu bekommen. Und dass da so wenig weiterging frustrierte sie am allermeisten. War sie nicht gut genug? Oder hatte sie zu wenig Zeit dafür? Sie hoffte, es wäre zweiteres und sie hoffte, dass sie mehr Zeit haben würde, . . . dass sie sich die Zeit nehmen würde können! Ein krankes Kind war da nicht hilfreich. er konnte nichts dafür, aber natürlich stand jetzt er an erster Stelle. Das war ihr auch wichtig und das war auch gut so, aber es trug nicht gerade zu ihrer guten Laune bei. Aber er war ja hoffentlich morgen oder spätestens übermorgen wieder fit und dann würde sie sich einen Plan machen müssen, sonst würde auch der nächste Monat fast unbemerkt vergehen!

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