Familienfreundschaften

Wie gut musste man mit Kindergarteneltern befreundet sein? Diese Frage hatte sie sich jetzt schon ein paar Mal gestellt. Es gab mehrere Gründe, warum sie sich das fragte. Zum einen fände sie es einfach sehr nett, wenn man sich nachmittags auf dem Spielplatz treffen könnte und die Kinder könnten miteinander oder nebeneinander spielen, und sie hätte jemanden zum tratschen. Momentan lief es so, dass man sich zwar zufällig dort traf, aber höchstens ein paar Worte wechselte. Eine Mutter setzte sich sogar demonstrativ auf die Parkbank am anderen Ende, was sie gar nicht verstand. Ihr war nämlich an den Nachmittagen auf dem Spielplatz schlichtweg langweilig. Ihr Kind brauchte sie so gut wie gar nicht (was sie sehr gut fand) und sie starrte Löcher in die Luft. Einige Eltern schienen sich auch sehr gut zu kennen, wobei sie sich nicht sicher war, ob diese Freundschaft nicht schon vor dem Kindergarten bestanden hatte. Und sie hasste es, sich aufzudrängen. Sie war nicht kontaktscheu, aber es war ihr trotzdem immer ein bisschen unangenehm, von sich aus auf die anderen zuzugehen. Und das war das Dilemma. Gruppen von sich schon kennenden Eltern schieden also gleich aus. Und wenn es denn anderen Eltern, die auch alleine am Spielplatz waren, so ging wie ihr? Dann würde das mit der Spielplatzfreundschaft wohl nie funktionieren. Was genau hielt sie also ab? Sie wusste es auch nicht. Sie hatte ja privat genug Freunde, auch viele mit Kindern in unterschiedlichen Alterststufen. Mit denen unternahmen sie aber eigentlich auch so gut wie nie was! Woran lag das? Musste sie die Initiative ergreifen? Die anderen taten es jedenfalls nicht. Es wäre ja auch nett, mit einer befreundeten Familie auf Urlaub zu fahren, aber auch da fiel ihr spontan keine ein. Wie gesagt, nicht, dass sie niemanden kennen würde, aber . . Sie wusste nicht woran es lag. Machte sie sich zu viele Gedanken? Sollte sie einfach zum Hörer greifen und selbst den Anfang machen? Wahrscheinlich wäre das die beste Lösung. Aber aus irgendeinem Grund fiel ihr das extrem schwer. Natürlich – es gab hundert Gründe, warum nicht: Man kam irgendwie nie dazu, man hatte nie Zeit, man wusste nicht, wie das Wetter werden würde, es war gerade ungünstig, . . . Aber genau genommen nichts als blöde Ausreden. So vergingen Wochen und Monate, ohne dass es zu einem gemütlichen Heurigennachmittag mit Freunden, einem Grillnachmittag, einem Strandbadbesuch oder ähnlichem kam. Ja klar, die Wochenenden waren auch wirklich kurz und sie vergingen oft wie im Fluge, aber trotzdem ärgerte sie sich manchmal darüber. Wozu hatte man Freunde? Ab und zu beschlich sie auch das Gefühl, dass ihre Freunde irgendwie “fix vergeben” waren. So eine Art Pärchenbildung unter Familien. Und ihre Familie war Single. Das traf es vom Gefühl her ganz gut, Denn so hatte sie sich in ihrer Singlezeit eigentlich auch gefühlt. Es war ihr nie langweilig gewesen, sie hatte immer einen recht großen Freundeskreis gehabt, aber Urlaub fahren war immer ein schwieriges Thema. Jetzt fiel es noch weniger auf, weil sie ja ohnehin als Familie auf Urlaub fuhren, aber eben nie mit Freunden. Aber das Gefühl war dasselbe. Und da war auch wieder das Gefühl des “sich nicht aufdrängen Wollens” – auch das kannte sie aus dieser Zeit. Sich als fünftes Rad am Wagen irgendwie anhängen. Geduldet aber nicht unbedingt erwünscht oder eingeladen. Und dieses Gefühl hasste sie so sehr. Und wieder einmal war es ein Gefühl aus der Vergangenheit, das sie heute daran hinderte, einfach etwas zu tun. Etwas zu ändern. Ihrem Impuls nachzugeben. Ärgerlich. Aber nun wusste sie den Grund. Jetzt hieß es, daran etwas zu ändern. Sich bewusst dafür zu entscheiden, die Gefühle der Vergangenheit genau dort zu belassen, und sie nicht auf die heutige Situation zu übertragen, Unbefangen zu sein. Im konkreten Fall: Auf Kindergarteneltern zuzugehen. Spielplatzfreundschaften schließen. Und in einem weiteren Schritt, mit den Freunden aktiv Kontakt aufnehmen. Etwas organisieren. Eine Einladung machen. Wieder was gelernt. Eigencoaching sozusagen. Sie nahm sich vor, es auch umzusetzen – egal wie viel Überwindung es sie kosten sollte.

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