einfach nur toben . . .

„Individuelle Förderung“ – dieser Ausdruck amüsierte sie immer noch. Auf der Suche nach einem bewegungsintensiven Nachmittagsprogramm hatte sie einen Kinderfitnessraum gefunden. Es klang gut: Eine Stunde austoben in einem kindergerechten Turnsaal. Matten, Trampolin, Bälle – herumlaufen, schreien, toben dürfen, auf irgendetwas raufklettern und runterfallen dürfen – herrlich – ein Paradies. Zu einem stolzen Preis wohlgemerkt. Da sie aber mitten in der Stadt in einer Wohnung lebten und es sonst nicht wirklich viele Möglichkeiten gab zum richtig wild sein, stellte sie sich das als netten Ausgleich vor. Vor allem jetzt im Winter. Also eine Schnupperstunde ausgemacht. Glücklicherweise nicht allzu weit weg, so waren sie auch pünktlich dort. Ein toller Raum! Bunt, gut ausgelegt mit dicken und dünnen Matten, ein breiter Barren, eine niedrige Reckstange, eine abschüssige Matte, eine tunnelförmige Matte – wow. Das sah nach Spaß aus. Aber da hatte sie nicht mit dem Trainer gerechnet. Nach dem Themenzyklus Oberkörper (der musste ja trainiert werden, weil gerade Gehanfänger diese Muskulatur nach der intensiven Krabbelphase anfänglich vernachlässigen!!!) war die Gruppe jetzt im Themenkreis Rhythmus (um auch kognitive Fähigkeiten zu schulen!!!) angelangt. Zu diesem Zwecke wurden alle paar Minuten mit entsprechendem Lied auf Englisch (!!) eine neue Kiste mit Stöcken, Instrumenten, Glocken herangekarrt und wieder mit einem anderen Lied (immerhin auch auf Deutsch) im Rhythmus dazu gegangen, gedreht, geklopft usw. Nix mit toben! Es wurde gezählt! Dann durften die „kleinen Monster“ auf dem Barren gehen und sollten mit dem Knie das Glöckchen berühren, das der Trainer wie eine Karotte vor ihnen hielt – wirklich. So stellte sie sich das Training der Lipizzaner vor! Es fehlte nur das Gummibärchen am Ende des Barrens. Ähnliches mit einem Sprungbrett und einer Matte, dreimal hüpfen und dann auf die Matte. Im Rhythmus natürlich! Gefolgt von einem begeistertem „Super! Toll gemacht“ des Trainers (wahrscheinlich der pädagogisch korrekte Ersatz für das Gummibärchen). Immerhin durften die Kinder die Geräte dann 15 Minuten frei benutzen. Ein Ex-Profi-Sportler übte mit seiner Tochter am Reck. Eine andere Mutter zeigte ihrem Sohn einen Felgeaufschwung. Eine andere übte sich im Purzelbaum. Ihr eigenes Kind rannte permanent die schiefe Matte herunter und stolperte über alles drüber und duckte sich unter dem Reck. Das tat er aber sichtlich viel Freude. Von den geforderten Aufgaben machte er nicht eine mit, außer das ein- und ausräumen der Utensilien. Aber auch das mit viel Freude. Sie selber saß in der Mitte und hätte am liebsten laut losgelacht, wenn die Blicke des Trainers sie nicht so eingeschüchtert hätten. Nach Abschluss der Schnupperstunde meinte er ob ihres verzweifelten Blickes auch, sie trösten zu müssen, ihr Kind würde sich schon einfinden, wenn es regelmäßig käme, die anderen Kinder wären ja schon länger dabei und hätten schon mehr Übung. An der Rezeption wurde man fast ausfällig, als sie auf Nachfragen erklärte, sie hätte es jetzt ja gesehen und würde es sich überlegen. Zutiefst beleidigt wurde ihr noch das Konzept erklärt. Die Zweisprachigkeit, die Liederauswahl (teilweise selbst komponiert!), dass man unbedingt regelmäßig in denselben Kurs kommen sollte, weil nur so könne der Trainer die individuellen Stärken und Schwächen erkennen und entsprechend fördern. Es wäre aber kein Problem auch mitten im Semester einzusteigen. Sie fand es lustig und sie amüsierte sich köstlich (innerlich) während sie sich bemühte mit konzentriertem Gesichtsausdruck dem Vortrag zu folgen. Und wenn Sie Ihr Kind davor bewahren wollte, so unbeweglich zu werden wie sie, würde sie das zu einem späteren Zeitpunkt eventuell in Erwägung ziehen. Aber es war momentan einfach nicht das, was sie gesucht

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