ein guter Tag – ein schlechter Tag

Heute war ein guter Tag. Wirklich. Sie konnte es selber kaum glauben. Der Wecker hatte sie geweckt und sie war munter gewesen, sie hatte keine Kopfschmerzen mehr, sie fühlte sich fast ausgeschlafen. Was war heute anders? Das Wetter war eigentlich so wie immer, vielleicht ein bisschen mehr Sonne? Oder bildete sie sich das ein? War es heute heller, weil sie bessere Laune hatte? Sie konnte es sich nicht erklären. Es war ein Tag wie jeder andere auch. Es hatte sich an ihrer Situation nichts geändert und doch – heute war anders. Sie war voller Tatendrang, obwohl  sie wusste, sie müsste heute noch ihren Wocheneinkauf erledigen, sie musste noch knapp 2 Stunden arbeiten, sie musste kochen. Es war nichts besonderes heute. Nichts worauf sie sich freute, und doch war heute alles heller. Wenn sie die Tage davor Revue passieren ließ  – egal wie sehr sich bemühte  – sie konnte nicht erklären, warum sie die anderen Tage so schlecht gelaunt war.  Wobei schlechte Laune untertrieben war. Depressive Verstimmung würde es wohl eher treffen. Ja – an solchen Tagen hatte sie das Gefühl, kurz vor dem Burnout zu stehen, auch wenn sie dieses Wort nicht leiden konnte. Weil es ein Wort war, das sie mit Überforderung in Verbindung brachte, und daran litt sie wahrlich nicht. Sie hatte einen 20Stunden  Job und ein Kind, das bis in den frühen Nachmittag hinein im Kindergarten war. Was genau sollte sie daran überfordern? Der Job bestand aus Tätigkeiten, die sie schon jahrelang gemacht hatte, also da hielt sich die Herausforderung auch in Grenzen. Ihr Kind war relativ unkompliziert und der Haushalt für drei Personen war auch zu bewältigen. Sie hatte in Wahrheit sogar eine Hilfe, die sie einmal wöchentlich fürs bügeln und putzen bezahlte. Also Überforderung konnte es nicht sein.  Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass es so nicht weitergehen konnte. Zumindest an den schlechten Tagen. Und das war es, was sie zusätzlich so irritierte, dass es gute und schlechte gab. Es gab Tage wie heute, da war sie motiviert, da dachte sie, dass sich alle Probleme würden lösen lassen, dass manches vielleicht  nur eine Frage Zeit war – und dann gab es Tage an denen sie das Gefühl hatte, nichts ging mehr, an denen sie müde, erschöpft und ausgelaugt war, an denen sie sich nichts mehr wünschte, als dass vieles anders wäre. Tage, an denen ihre Situation ausweglos erschien, an denen sie die Zuversicht, dass alles gut werden würde, völlig verlassen hatte. Und das war neu. Sie, die immer positiv dachte, immer fest davon überzeugt war, dass alles gut werden würde, dass alles im Leben einen Sinn hatte, egal wie schwer es im Moment auch schien – an solchen Tagen verzweifelte sie. Es gab eigentlich sogar eine Lösung für ihre scheinbar so ausweglose Situation – aber die hatte Konsequenzen, von denen sie nicht wusste, ob sie bereit wäre, diese zu tragen. Es wäre ein gewaltiger Einschnitt. Es wäre ein großes Risiko. Es würde kein Zurück mehr geben. Sie würde ein bedeutendes Sicherheitsnetz verlieren. Aber war es vielleicht so, dass sie dieses Netz momentan einschnürte, dass sie sich ausgeliefert fühlte, ihrer Freiheit beraubt? Irgendwie schon. Sie hatte Angst vor diesem Schritt und sie wusste, sie würde damit Menschen enttäuschen und verletzten, die viel für sie getan hatten. Denen sie immer noch dankbar war. Sie würde sie im Stich lassen, so fühlte es sich für sie an. Konnte sie das? Sie hatte so sehr gehofft, dass sie diese Entscheidung noch etwas vor sich herschieben würde können, aber sie spürte auch, dass sie sich bald würde entscheiden müssen. Jeder Aufschub würde bedeuten, dass die schlechten Tage mehr werden würden. Und was sie am meisten irritierte, dass ihr Körper langsam aber sicher Alarm schlug. Eine Beeinträchtigung nach der anderen:  ein Ausschlag, ein Juckreiz, eine Augenentzündung, ein Husten, eine Sehnenentzündung, Kopfschmerzattacken, bleierne Müdigkeit. Für all das mochte es medizinische Begründungen geben, und dennoch spürte sie, dass ihre Situation mitverantwortlich war für ihren körperlichen Zustand. Im Großen und Ganzen war sie gesund, aber trotzdem musste man in ihrem Alter all das nicht haben, eins nach dem anderen, teilweise gleichzeitig. Das stimmte doch etwas nicht. So klar ihre Gedanken heute dazu waren, so verzweifelt würde sie an einem anderen Tag wieder sein. Sie würde sich professionelle Hilfe holen. Sie musste mit irgendwem darüber reden.

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