das lange Lesen, verlernt?

Reaktion auf einen kurzen Text von Georg Renner auf nzz.at

Das lange Lesen, verlernt?
Nein, nein und nochmal nein, das wollte sie einfach nicht glauben. Vielleicht als generelle Tendenz der heutigen Jugend, die ja ohnehin angeblich außer sms und facebook-postings gar nicht mehr lesen konnte? Wobei sie auch das nicht wirklich glauben wollte. Zu gerne würde sie an dieser Stelle ihre Generation verteidigen und den Beweis liefern, dass die heutige Jugend sehr wohl dazu in der Lage war, Sinn erfassend zu lesen, aber sie musste ehrlicherweise zugeben, dass sie wohl nicht mehr zur jungen Generation gehörte. Sie war aber auch nicht so alt, dass sie sich über die heutige Jugend beschwerte, weil sie ja irgendwie noch dazugehören wollte. Was das Lesen betraf, musste sie sich dann aber doch zu den Alten zählen. Sie las gerne – Bücher. Richtige Bücher mit gedruckten Seiten, wobei sie auch langsam auf den Geschmack des ebooks kam. Es befand sich schon seit einigen Jahren in ihrem Besitz und inzwischen wusste sie die Vorteile zu schätzen. Lange Texte, wobei hier vielleicht einmal definiert werden sollte, was lang in diesem Zusammenhang genau bedeutete, las sie am liebsten in einer Zeitung – also auf Papier. Sie genoss es, die für sie interessanten Texte am Wochenende in Ruhe zu lesen. Interessant war das entscheidende Wort. Wenn der Text nichts Neues hergab, las sie ihn auch nicht zu Ende. Seitenlange Beschreibungen einer Gegend oder nicht enden wollende Analysen irgendwelcher Statistiken waren da nicht förderlich. Komplizierte Sprache, mit der ein Autor seine Bildung zur Schau stellen wollte, ebenso wenig. Sie hatte nichts gegen lange Sätze, sofern am Ende noch klar war, was gesagt werden sollte. Wenn es ein Text schaffte, sie emotional zu berühren, dann verschlang sie ihn. Wenn ein Text ihre Phantasie anregte, dann konnte er beliebig lang sein. Wenn der Text ein echtes Anliegen des Autors widerspiegelte, wenn die Begeisterung für eine Sache zu spüren war, würde sie mehr davon lesen wollen. Und wenn ein Text all das konnte, war ihr egal, wo und wie sie ihn las – ob gedruckt, im ebook oder auch online. Sie musste immer ein wenig über ihren Schatten springen, um einen längeren Text auf dem Laptop zu lesen, wobei das vielleicht auch ein Problem ihrer Generation war. Denn der Computer und der Laptop – genauso wie das Handy – hatten kein sehr gutes Image. Ihr Kind sollte auf die Frage: „ . . . und was machen deine Eltern?“ , möglichst nicht antworten: „Die sitzen vorm Computer“. Da war ihr ein „Meine Mutter liest Bücher“ doch deutlich lieber. (Über dieses negative Image würde sie nochmal nachdenken müssen) Ja sie las gerne und damit waren immer längere Texte gemeint. Sms, twittern und facebooken war für sie kein Lesen, es war ein notwendiges Übel, um beruflich und privat mithalten zu können. Und zugegebenermaßen, war sie so schon auf den ein oder anderen interessanten Text gestoßen, aber genau hier musste sie aufpassen, die Zeit nicht in Sinnlosigkeiten zu verlieren und ganz bewusst Texte nicht zu lesen. Und das war vielleicht auch der Knackpunkt, denn es gab ein Überangebot an ständig verfügbaren Texten. Würde sie all das lesen, was eventuell vielleicht interessant sein könnte, wäre ihr normales Leben vorbei. Läse sie immer nur die Kurzfassung, wäre es ein wenig effizienter und das war ihrer Meinung nach der Grund warum kürzere Texte bevorzugt gelesen wurden. Denn ein langer Text kostete so viel Zeit wie mehrere kurze und wenn sie viele kurze gelesen hatte, wusste sie von allem ein bisschen was. Und das war ein Trend, den sie zu erkennen glaubte und den es ais ihrer Sicht zu bekämpfen galt. Das individuell sinnvolle Auswählen aus einem Überangebot als Herausforderung der Gegenwart. Die Entscheidung zu treffen, sich für etwas nicht zu interessieren, sich von vielen Newsletter, facebook “Freunden“, twitter-news u.ä. abzumelden, um Zeit für schöne, gute interessante und auch lange Texte und Bücher zu haben – und möglicherweise auch noch für Familie, Freunde und einen Job.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *