Buchpräsentation Claudia Stöckl

Diesmal war sie also wirklich dabei bei der Buchpräsentation. So oft hatte sie sie es schon vorgehabt, aber immer war etwas dazwischen gekommen. Immerhin wohnte sie ja fast in der Buchhandlung, aber keiner der Gäste hatte sie auch so brennend interessiert wie Claudia Stöckl. Zugegeben – die Gäste ihrer Sendung waren interessant. Sie führte tolle Interviews und schaffte es, dass ihre Gesprächspartner viel persönliches verrieten, und oft auch erzählten, dass die Schicksalsschläge mit ein Grund für ihren Erfolg gewesen waren. Es war immer spannend zuzuhören. Das Buch war zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber anlässlich ihres Sendungsjubiläums wurde es jetzt nochmals beworben. Sie war extra pünktlich, da sie befürchtet hatte, sonst keinen Platz mehr zu bekommen, aber diese Sorge war völlig unbegründet gewesen. Das erstaunte sie, denn immerhin war Frau Stöckl doch kein Noname. Das Publikum war mehrheitlich weiblich und sie selber senkte den Altersdurchschnitt dramatisch, denn fast alle Anwesenden waren deutlich über fünfzig. Inzwischen auch für sie ein seltenes Gefühl, denn es kam nicht mehr so oft vor, dass sie zu den jüngeren zählte. Das Gespräch und die vorgelesenen Passagen aus dem Buch waren kurzweilig und unterhaltsam, aber auch eine Wiederholung der Jubiläumssendung zwei Wochen zuvor. Dennoch beschloss sie, das Buch zu erwerben, einerseits aus Interesse, andererseits auch, weil sie sich irgendwie dazu verpflichtet fühlte. Immerhin hatte sich die Buchhandlung richtig Mühe gegeben, Getränke, Snacks, Geburtstagstorte inklusive. Natürlich nutzte sie die Chance, das Buch auch signieren zu lassen, das erste Mal in ihrem Leben. Sollte man dabei nicht auch ein paar nette Worte mit der Autorin wechseln? Wahrscheinlich schon. Die Dame vor ihr in der Reihe übertreib es ein bisschen und erzählte gleich ihre ganze Lebensgeschichte. Frau Stöckl nickte interessiert, was zu noch detaillierten Ausführungen ermunterte. Weghören ging nicht. Also erfuhr sie von der bevorstehen Geburt der ersten Enkeltochter, dem Burgtheaterbesuch des Sohnes. Glücklicherweise kam der Fotograf und schob die ganze Reihe unbeabsichtigt etwas nach vorne. Sie selber hielt das Gespräch also tatsächlich kurz und höflich, denn das musste echt nerven. Nett lächeln, Bücher widmen, freundlich sein, auch wenn das Gegenüber möglicherweise schwierig war. Frau Stöckl erlebte das ja nicht nur bei solchen Veranstaltungen in Buchhandlungen sondern auch mit ihren Interviewpartnern. Da war Gelassenheit und Geduld gefordert. Es gehörte zu ihrem Job. Einen Job, den sie seit Jahren gut und erfolgreich machte. Darum beneidete sie sie. Sie hatte ihren Platz gefunden. Sie selbst noch nicht so ganz. Privat schon, aber beruflich? Auch sie musste Geduld und Gelassenheit an den Tag legen, denn sie wusste schon, wohin sie wollte, aber das würde nicht von heute auf morgen geschehen. Es erforderte auch Ehrgeiz und Zielstrebigkeit ebenso wie Hartnäckigkeit und Flexibilität. Alles Eigenschaften, die sie prinzipiell hatte, die aber nicht immer im richtigen Maß zur richtigen Zeit entsprechend zur Verfügung standen. Ehrgeizig und geduldig, gelassen und hartnäckig, flexibel und zielstrebig. Irgendwie klang das völlig unmöglich und absolut widersprüchlich. Aber wenn sie das hinbekäme und möglicherweise auch ein kleines bisschen Talent hätte (Selbstbewusstsein – noch so eine erforderliche Eigenschaft) würde sie eines Tages bei ihrer eigenen Buchpräsentation sitzen und im allerbesten Falle als Gast bei Claudia Stöckl geladen sein. Dann könnte sie diese Geschichte ausgraben und das heute erworbene signierte Buch auf den Frühstückstisch legen. Ein Traum? Ein Ziel? Eines Tages würde sie es wissen.

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