Beziehungsärger

War das echt sie? Heute war alles wieder gut, obwohl sie gestern die Wände hätte hochgehen können? Gestern hatte er sie auf die Palme gebracht und heute war alles wie gut? Nämlich wirklich gut? Sie hatte nichts geschluckt, wie sie es vielleicht früher getan hätte, nein sie war explodiert, sie hatten gestritten, sie hatten diskutiert und sie war stinksauer gewesen. Sie hätte am liebsten alles abgesagt, sie war auf 180 gewesen. Und heute? So als wäre nichts gewesen! Der Streit hatte in der Früh angefangen, sie war bis in den Nachmittag hinein wütend gewesen. Am Abend hatten sie nur Belanglosigkeiten ausgetauscht und heute war ganz normaler Alltag eingekehrt. So kannte sie sich nicht. Wobei sie auch zugeben musste, dass nur er sie so in Rage bringen konnte. Ok, im Job vielleicht auch, aber damit konnte sie irgendwie besser umgehen. Auch dort musste sich vielleicht mal ärgern, aber nach einem Gespräch mit der einen oder anderen Kollegin, war das immer wieder aus der Welt zu schaffen gewesen. Mit ihm war das anders. Wirklich. Keiner konnte sie so zur Verzweiflung bringen wie er. Gehörte das zu einer gesunden Beziehung dazu? Vermutlich schon, denn wenn einem der Partner egal war, dann steckte doch erst wirklich der Wurm drinnen, oder? Wenn einem egal war, was der andere dachte, sagte oder fühlte, dann war das der Anfang vom Ende. War also ihr Ärger Ausdruck dafür, dass sie eine lebendige Beziehung hatten? Konnte sie es als Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung deuten, dass sie so stritten? Ja – solange es um eine Sache ging. Nein, wenn es um die Beziehung, um die Familie ums Kind ging. Wenn es also permanent Streit gäbe um persönliches. Wenn es ununterbrochene Kritik an der Person wäre. War es das denn? Ja und nein. Nein, weil der Auslöser immer die Sache war. Ja, weil besonders sie dann immer nach dem warum fragte und die Gründe dafür in seiner grundsätzlichen Lebenseinstellung vermutete. Aber was sie doch am meisten beschäftigte, dass sie sich so ärgern konnte. Sie war immer die gelassene, ruhige. Sie war nur selten aus der Ruhe zu bringen. Bösartig könnte man es ja fast Lethargie nennen. Noch bösartiger – Faulheit und Desinteresse. Aber das ließ sie nicht gelten. Ihrer Meinung nach gab es einfach wenig, worüber man sich aufregen konnte. Denn wenn man es nicht ändern konnte, zahlte sich der Ärger auch nicht aus. Und wenn man es ändern konnte, sollte man es tun. Das war zumindest ihre Meinung. Das hieß zwar nicht, dass sie mit allem einverstanden war, es gab vieles in ihrer Umgebung, auch auf der Welt, was sie störte, was sie gerne anders hätte, aber sie konnte ja das ändern, was in ihrer Macht stand. Sie konnte ihre eigenen Handlungen überdenken und verändern, aber sie konnte sicher keinen Krieg verhindern. In ihrem kleinen Umfeld konnte sie etwas bewirken und vielleicht schloss sich hier der Kreis, denn sie wurde wütend, wenn sie dabei gebremst oder behindert wurde. Es waren oft Kleinigkeiten, aber die wollte sie verändern, und sie gehörte zu der Sorte – wenn schon – dann sofort. Er war da anders, er war überlegter, skeptischer, dachte langfristiger, wollte Alternativen abwägen, wollte immer bis zum Schluss abwarten. Schlussendlich war es das, was sie so fertig machte. Sie waren diesbezüglich beide sehr extrem – das Ideale lag wahrscheinlich in der Mitte. Jetzt musste sie noch herausfinden, ob sie sich schlussendlich dort trafen, ob sie am Ende immer eine Lösung hatten, mit der beide zufrieden waren. Denn das war es doch, was eine gute Beziehung ausmachte: Man traf sich in der Mitte, man schloss Kompromisse. Sie war die treibende Kraft, er die bremsende – war das nervenaufreibender Gegensatz oder perfekte Ergänzung? Sie hoffte zweiteres. Oder war es gar ihre Entscheidung, wie sie es sah? Darüber würde sie noch ein wenig nachdenken müssen, . . .

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *